Schattenhandel und eine milde Geste

Auf den ersten Blick wirkte der Mann groß, kräftig und einschüchternd, doch als Yahya etwas genauer hinsah, bemerkte er die recht heruntergekommene Kleidung – der staubige Turban, der verschlissene Kaftan, die Löcher im Umhang – und die doch leicht gebeugte Haltung, obwohl er sich sichtlich mühte  gerade zu sitzen und integer zu wirken. Dennoch wusste Yahya: Beurteile ein Buch nie nach seinem Einband!

Der Herr der Spinnen lud Yassaf mit einer Geste ein, sich auf den Teppich zu setzen. Yahya sah, dass der Mann keine Waffen in den Händen hielt und entspannte sich daher etwas, behielt jedoch die beiden schmächtigen Wachen im Blick, die noch immer nervös ihre Schwerter unter den Umhängen befingerten. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte sich Yassaf seiner Schuhe entledigt und sich auf den Teppich gesetzt – gut zu wissen, dass der schlitzohrige Händler seine Manieren nicht vergessen hatte, auch wenn dies bei einer unter Umständen nötigen schnellen Flucht etwas hinderlich sein konnte, weiß man doch nicht, welches Ungeziefer der Spinnenmeister hier noch beherbergte.

„Nun, ihr seid also Yassaf, der weit gereiste Händler, von dem Gasparo hier mir schon berichtete.“ Der Herr der Spinnen sprach ruhig und bedacht. „Man sagte mir, ihr bringt interessante Waren und Kupfer in diese Gegend. So etwas erregt natürlich meine Aufmerksamkeit…“ -„Aber gewiss. Yassaf bin Amir Al’Habib vom Handelshaus Al’Habib, stets zu Ihren Diensten. Doch auch euer Name ist mir nicht unbekannt. Man sagt, ihr bietet hier den Ausgestoßenen Westfurths eine Herberge?“ Yahya hörte aufmerksam zu, ohne den Blick von den Wachen abzuwenden. „Nun, sagen wir, ich helfe denen in der Not… ich biete den armen, verlorenen Seelen hier ein Dach über dem Kopf, Brot und Wasser. Und ihr seht ja selbst, diese armen Geschöpfe können es gut gebrauchen.“ Yassaf überlegte kurz, dann fragte er mit unverhohlener Neugier: „Euer Edelmut in allen Ehren, Herr, doch bitte verzeiht mir die Frage: Wenn es sich doch tatsächlich um Ausgestoßene und Vertriebene handelt, weshalb mussten sie denn das Dorf verlassen?“

Der Herr der Spinnen atmete hörbar ein und aus, ein Anflug von Ärger blitzte kurz durch seine Augen. „Ach, nun ja… sie wurden Westfurths verwiesen, weil man ihnen ein paar Kleinigkeiten anlastete… sagen wir einfach, sie waren in der Gesellschaft wegen kleinerer Vorkommnisse nicht länger willkommen.“ – Kriminelle also. Mörder und Banditen. Yahya verstand allmählich, wieso Yassaf eine drei Mann starke Leibgarde brauchte.

Yassaf nickte lächelnd. „Ich verstehe. Nun gut, ich denke, ich habe sicherlich ein interessantes Handelsangebot für euch… und selbstverständlich bin ich nicht mit leeren Händen gekommen. Bitte, nehmt dies als meine Geste des guten Willens, mit besten Empfehlungen des Handelshauses Al’Habib“ sagte er, und zog eine reich verzierte Wasserpfeife nebst Tabak aus seinem Leinensack. Die anwesenden Wachen blickten das Gerät mit unverhohlener Gier an, auch der Herr der Spinnen schien… nun, nicht unbeeindruckt. „Ich bin sicher, ihr möchtet im Gegenzug ebenfalls eine… kleine Geste des guten Willens erwiesen wissen?“ Yassaf lächelte erneut, diesmal so schelmisch, wie man es von ihm gewohnt war.

Er verhandelte, dass Warenlieferungen des Handelshauses nach Westfurth von den Aussätzigen in Ruhe gelassen würden. Zudem vereinbarte er, dass der Herr der Spinnen ihn mit einigen Phiolen einer gewissen Flüssigkeit zu versorgen, von der Yahya wusste, dass es vermutlich gesünder war, nicht weiter nachzufragen. Im Gegenzug verpflichtete sich Yassaf zur Zahlung einer größeren Menge Kupfer und der Versorgung der Aussätzigen mit Speisen und Getränken aus der Stadt, sowie dem einen oder anderen Getränk aus Gasporos Taverne.

Nach dem Ende der Verhandlungen sammelten sich Yahya, Yassaf und ihre Gefährten vor dem Haus und begaben sich zügigen Schrittes zurück zur Stadt. Auch wenn die Verhandlungen gut liefen und es erfreulicherweise nicht zu Blutflecken auf dem Teppich kam, so blickte Yahya etwas häufiger über seine Schulter. Er war sich sicher, von dieser „Spinne“ hatte er nicht das Letzte gesehen…

Begegnung auf acht Beinen

Im Gegensatz zum merkwürdig leeren Wald – kaum ein Vogel war zu hören, geschweige denn eine Menschen- oder sonst eine Seele zu sehen – war dieses letzte Nacht noch so ruhige Haus ein wahrer Taubenschlag. Einige düstere, meist schwarz gekleidete Gestalten tummelten sich dort und beäugten die Neuankömmlinge misstrauisch. Yahya legte seine linke Hand unmerklich auf den Griff seines Schwerts und die Rechte an einen der Wurfdolche, die er vor der Brust trug. So sah es aus, als hätte er die Arme verschränkt, konnte aber wenn nötig schnellstens die Waffen ziehen. Er blieb nah an Yassaf, der augenscheinlich auch etwas nervös war, es sich aber nicht anmerken lassen wollte – mit mäßigen Erfolg.

„As-salāmu ʿalaikum, meine verehrten Freunde. Ich komme auf Bitten eures Anführers, dem Herrn der Spinnen!“ …Spinnen? Großartig. Mit Schlangen hatte Yahya kein Problem, auch mit so manchem Wolf war er in seiner Jugend problemlos fertiggeworden. Aber ausgerechnet Spinnen! Yahya schauderte unweigerlich und fasste den Schwertgriff unbewusst noch fester.

Ein Mann an der Tür in heruntergekommener Kleidung trat vor. „Na jut, aber wennde hier reinwills‘, denn nur ohne Waffen und det kost‘ n Kupper für jeden von euch.“ Eines musste man Yassaf lassen – selbst unter größter Bedrohung musste jemand nur einen Betrag nennen, schon wurde er der größte Schauspieler, den diese Welt gesehen hat. Nicht nur ließ man das „Eintrittsgeld“ dank Gasparos Anwesenheit – man kannte sich anscheinend bereits – außen vor, auch wurde es gestattet, dass zwei Personen ihre Waffen nicht ablegen mussten, sofern auch von der Gegenseite zwei Leute ihre Waffen weiter tragen durften. Die Gruppe wurde in das Haus geführt, nur Ron wurde der Eintritt verwehrt. „Schon in Ordnung, Baumfreund, bleibe draußen in der Nähe des Fensters und rufe, wenn Gefahr droht.“, wies Yahya ihn an.  In einem kleinen Raum neben dem Eingang lag ein Teppich auf dem Boden, zur Linken und zu Rechten waren zwei dürre, ausgemergelte Personen mit schwarzen Umhängen, die betont lässig in den Ecken standen. Yahyas geschultem Blick entging nicht, dass sie versuchten, ihre rostigen Schwerter unter den Umhängen vor Blicken zu schützen, also wies er Joran mit einer Geste an, sich zur Linken von Yassaf  zu stellen, während er selbst rechts des Teppichs Stellung bezog. Offenbar waren es ungelernte Wachen, denn in der Mitte auf dem Teppich saß eine weitere Person. Groß, mit einem gesichtsverhüllenden Turban und mindestens zwei Augen wie Dolchen, konnte es sich nur um eine Person handeln: Den Herrn der Spinnen.

Aufbruch ins Ungewisse

„Ah, Yahya, da seid ihr ja. Wurde auch Zeit, ich wollte gerade nach euch schicken lassen!“ Yahya näherte sich der kleinen Gruppe. Neben Yassaf stand dort noch Joran, wie Yahya war auch er ein Begleiter der Al’Habibs, angeheuert zum Schutz der Karawane. Die andere Person, ebenfalls gerüstet und bewaffnet, war ihm unbekannt. „Ich sehe, wir sind nicht allein unterwegs?“ fragte er. „Nun, ihr sagtet ja selbst, in diesen Wäldern läuft so einiges Gesindel durch die Gegend, ich will nunmal auf Nummer sicher gehen. Immerhin ist meine Handelsware doch… von einigem Wert.“ sagte Yassaf und grinste schelmisch.

„Ihr kennt Joran schon, er trägt eine gute Rüstung und ist geschickt mit dem Schwert. Unser anderer Begleiter hier ist Ron.“ Yahya nickte ihm kurz zu. „Er ist auch nicht ungeschickt mit der Klinge, aber viel wichtiger, er ist auch ein guter Heiler, wie man mir sagte.“ Ron und Yahya musterten sich kurz gegenseitig. „Also gut. Damit kann ich arbeiten. Joran, ihr bildet ihr die Vorhut und Ron, ihr werdet versetzt hinter uns gehen und uns den Rücken freihalten, sollte etwas passieren. Ich werde direkt bei unserem Klienten hier laufen und im Falle eines Angriffs in Sicherheit bringen, während ihr den Gegner zurückhaltet. Alle verstanden? Gut, dann…“

„Nur eines…“ unterbrach Ron. „Ihr müsst wissen, ich bin eine sehr… naturverbundene Person. Ich möchte euch bitten, darauf zu achten, dass ihr eure Schwerter von meinen Freunden, den  Bäumen, fernhaltet.“ Yahya blickte etwas konsterniert drein, auch Joran stutzte und fragte: „Die Bäume sind… eure Freunde?“ „Ja, ich spreche zu ihnen.“ Na toll, ein Irrer im Wald, dachte Yahya. „Wisst ihr, ich habe vor einiger Zeit einmal schwere Verletzungen im Kampf erlitten und nur überlebt, weil mir ein Ent von seinem Blut spendete. Seitdem pflege ich eben eine besondere Beziehung zu Bäumen.“

Wo hat Yassaf nur diese… Person aufgetrieben? Einen halben Djinn als Leibwache, das konnte ja nur schiefgehen. „Ich… verstehe. Also schön, achtet darauf, dass ihr keine Bäume trefft, Joran. Und ihr, Ron, vielleicht… geht ihr doch ein paar Schritt hinter uns. Ein Heiler sollte ja nicht gleich in das Kampfgeschehen geraten, nicht wahr? Gut. Herr Yassaf, wir sind bereit zum Aufbruch.“ Yassaf, gerade noch im Gespräch mit dem Wirt der Taverne, drehte sich um. „Ah, wundervoll. Gehen wir. Gasparo, kommt ihr?“ „Gasparo begleitet uns? Von zwei Schutzpersonen war aber keine Rede, das kostet extra.“ Yahya war zwar kein besonders geschickter Händler, aber er hatte einen Riecher für zusätzliches Kupfer. Yassaf antwortete „Ah, ja, das klären wir später“, und etwas leiser zu Yahya „Nun, auf ihn müsst ihr nicht unbedingt so sehr achten. Er hat ja nicht mitbezahlt…“

Yahya runzelte die Stirn. Aber gut, zur Not hatten sie jemanden, den sie im Falle eines Angriffs opfern konnten. Yassaf bezahlte die vereinbarte Summe und so begab sich die bunte Gruppe auf den Weg durch die Wälder zu dem heruntergekommenen Haus außerhalb der Stadt, das heute deutlich lebendiger erschien als noch in der Nacht…

Nur nicht unter Wert verkaufen

„Ihr wisst aber schon, dass der Vertrag zwischen den Handelshaus Al’Habib und mir mit dem Eintreffen in Westfurth endete? Da müsst ihr mir nun schon einen Anreiz geben.“ sagte Yahya und beschrieb eine reibende Geste zwischen Daumen und Zeigefinger. „Und überhaupt, wohin geht dieser Ausflug? Lauern Gefahren? Sicherlich, sonst bräuchtet ihr keine Leibwache, nicht wahr?“ Yassaf verdrehte die Augen. „Ist ja gut, ist ja gut… Ich habe ein kleines Geschäft zu erledigen mit diesen Aussätzigen, sie leben…“ „…in einem kleinen Haus außerhalb der Stadt. Ich kenne es. Die Wälder dort sind nicht ungefährlich, in der Tat. Ich hörte nicht nur von Wegelagerern, sondern auch von Untoten und Hexen hier. Lieber Yassaf, das wird aber nicht ganz billig, wenn ihr meinen Schutz wollt.“

Der Händler grummelte „Ich verstehe. Gut. Dann gebe ich euch drei Kupferstücke, wenn wir aufbrechen und noch einmal drei, wenn wir unbeschadet zurückkehren.“ Nun war es an Yahya, seinen Gegenüber ungläubig anzustarren. „ Yassaf bin Amir al’Habib, wollt ihr mich beleidigen? Ich trage das silberne Abzeichen der Leibwachenausbildung vom Sommerfeldzug nach Kelriothar! Für ein paar Kupfer sehe ich euch doch nicht einmal hinterher, wenn ihr die Stadt verlasst!“. Yassaf schmunzelte. Das Feilschen war des Händlers liebste Disziplin, das wusste natürlich auch Yahya. Neben ihnen erklang eine andere Stimme: „Sí, das stimmt wohl. Eine gute Leibwache kostet schonmal ein paar Silber.“ Die beiden blickten zu Señor Pepe, der grinsend die Szene beobachtet hatte und es sich nicht nehmen ließ, dieses Spiel ein wenig mitzuspielen.

Die Verhandlung ging noch ein wenig hin und her, letztendlich einigte man sich auf ein Silber- und zwei Kupfermünzen, jeweils beim Aufbruch und der sicheren Rückkehr, sowie zwei weiteren Silbermünzen, sollte es zu gefährlichen Situationen kommen. Yahya dankte dem Castellani für die Schützenhilfe bei der Verhandlung, was mit einem lapidaren „Ah, Sí claro. Das macht dann zehn Prozent für die Preistreiberei.“ beantwortet wurde. Der Wüstensohn war sich nicht sicher, ob das ernst gemeint war, wollte sein Glück aber auch nicht auf die Probe stellen und machte sich lieber auf den Weg zur Taverne, wo Yassaf bereits auf ihn wartete – und mit ihm zwei andere Gestalten…

Ein kleiner Auftrag

Der Duft des schwarzen Goldes, wie Yahya den morgendlichen Kaffee gerne nannte, lockte schon bald auch die anderen Lagergenossen aus den Federn. In der Nacht sind weitere Nachbarn eingetroffen, Ein paar Mitglieder der einflussreichen Jarlower Handelsdynastie, der Familia Castellani hatten sich entschlossen, in Westfurth etwas zu entspannen und Urlaub zu machen – gut für Yahya, wusste er doch, dass Señor Pepe und Señora Josephina sehr bekannte Gesichter in den Mittellanden waren, denen er gewiss ein paar Leibwachendienste anbieten konnte.

Arash hatte irgendwo etwas Kohle aufgetrieben, so dass nach Tee und Kaffee sich seine vorlaute Reisegefährtin Fenja daran machte, einige Eier aus der Gegend in die Pfanne zu schlagen. Er wusste nicht, welcher der kleinen Höfe der Stadt ausgerechnet Hühnereier anbot, so fragte er nach.

„Stell jefälligst nich sone dummen Fragen, sonst sind als nächstes deine Eier in der Pfanne!“ – Richtig. Yahya hatte ganz vergessen, das Fenja zwar einen stumpfen Knüppel, aber dafür eine um so schärfere Zunge besaß. Er befand, dass e womöglich doch gesünder war, das Thema doch lieber zu einem anderen Zeitpunkt zu vertiefen. Nach dem trotz allem sehr guten Frühstück saß man noch ein wenig beisammen, als Yassaf zu ihnen kam.

„Yahya, da bist du ja, den ganzen Morgen habe ich dich schon gesucht!“ Yahya sah ihn prüfend an. „Ihr hättet mich gewiss schon viel früher gefunden, wäret ihr beim Morgengebet gewesen.“ Yassaf machte eine betroffene Geste: „Yahya, ich bitte euch, wollt ihr mir etwa unterstellen, ich wäre meiner heiligen Pflicht nicht nachgekommen? Selbstverständlich habe ich gebetet… also… allein in meinem Zelt… wegen der Kälte, ihr versteht?“ Natürlich wusste Yahya, dass dies bestenfalls eine billige Ausrede war, aber Yassaf war durchaus vom rechten Glauben, weshalb er er nicht weiter darauf einging. „Wie auch immer, ich habe euch gesucht, weil ich einen Leibwächter für einen kleinen Ausflug in die Wälder brauche“. Ein Ausflug? Das konnte interessant werden…