Das Ei

Zurück in Westfurth trennten sich die Wege aller, jedoch nicht bevor Yahya seine vereinbarte Bezahlung einforderte. Widerwillig gab Yassaf ihm ein weiteres Silber- und zwei Kupferstücke. „Ihr seid wirklich ungleich teurer als unsere anderen Begleiter, mein lieber Yahya.“ jammerte Yassaf. „Qualität und guter Leumund haben ihren Preis. Wer wüsste das besser als Ihr, verehrter Yassaf?“ grinste Yahya und verstaute das Geld geschwind in seiner Tasche. „Und wo wir bei gutem Leumund sind, vergesst nicht, mir einen Nachweis für die Tätigkeit als Leibwache auszustellen. Das… gehört sich so.“ Yassaf murmelte noch etwas vor sich hin, doch Yahya kümmerte sich nicht weiter darum und kehrte zu seinem Lager zurück, wo Pepe und Josephina Castellani gerade etwas besprachen.

„Ich weiß ja nicht. Warum sollten wir uns in die Geschicke dieser Stadt einmischen? Wir machen hier doch nur Urlaub, ich will mich entspannen!“ monierte Pepe, der mit verschränkten Armen am Feuer stand. „Wenn dieses Ei wirklich so wichtig für das Überleben dieser Stadt ist, sollten wir es vielleicht an uns bringen und später… mildtätig spenden.“ Josephinas besonders gewählter Ausdruck  ließ darauf schließen, dass sie innerlich brodelte. „Oder zumindest dessen Inhalt. Für die Schale habe ich möglicherweise… noch eine andere Verwendung.“ Pepe warf die Arme über den Kopf. „Dios mío, meinetwegen. Wir bringen das Ei an uns und spenden den Schlüssel, aber ich will damit nichts weiter zu tun haben.“

Josephina bemerkte Yahya, der interessiert lauschte, sich aber lieber aus dem Streit heraushielt. „Wie war doch gleich euer Name, Orientaler?“  Yahya erschrak etwas. „Ich? Ääh… Yahya bin Mohammed bin Abdul bin Hassan, Verehrteste“ stammelte er. Die Jarlowerin zögerte kurz. Yahya war das gewohnt, die meisten fühlten sich von seinem vollen Namen etwas erschlagen. „Wo ihr doch unsere Gastfreundschaft hier so zu genießen scheint, habe ich, sagen wir, eine kleine Bitte an euch.“ sagt Josephina. „Was immer ihr wünscht!“ antwortete Yahya wie aus der Pistole geschossen. Er hatte genug über die Familie Castellani gehört, um zu wissen, dass man einen Wunsch eines Mitglieds dieser reichen Handelsdynastie besser nicht ausschlug, wenn man Wert auf seine Innereien legte. „Bringt doch einmal in Erfahrung, wer zur Zeit dieses Ei, von dem man in der Stadt so aufgeregt spricht, derzeit besitzt und erstatte uns Bericht über diese Person.“

Ein wenig Informationsbeschaffung war eine Kleinigkeit für Yahya. „Selbstredend, Señora, ich mache mich sogleich auf den Weg und werde den Besitzer des Eis auftreiben.“  Josephina und Pepe schienen zunächst zufrieden, dass sich jemand um diese Angelegenheit kümmerte und ließen es dabei bewenden. „Vale. Lass dir nur nicht zu lange Zeit.“ gab Josephina ihm noch mit auf den Weg. Yahya verließ sogleich das Lager in Richtung Stadtinnerem hatte keine Ahnung, um was für ein verteufeltes Ei es ging, aber er kannte genau die richtige Person, um dies in Erfahrung zu bringen…

 

Nur nicht unter Wert verkaufen

„Ihr wisst aber schon, dass der Vertrag zwischen den Handelshaus Al’Habib und mir mit dem Eintreffen in Westfurth endete? Da müsst ihr mir nun schon einen Anreiz geben.“ sagte Yahya und beschrieb eine reibende Geste zwischen Daumen und Zeigefinger. „Und überhaupt, wohin geht dieser Ausflug? Lauern Gefahren? Sicherlich, sonst bräuchtet ihr keine Leibwache, nicht wahr?“ Yassaf verdrehte die Augen. „Ist ja gut, ist ja gut… Ich habe ein kleines Geschäft zu erledigen mit diesen Aussätzigen, sie leben…“ „…in einem kleinen Haus außerhalb der Stadt. Ich kenne es. Die Wälder dort sind nicht ungefährlich, in der Tat. Ich hörte nicht nur von Wegelagerern, sondern auch von Untoten und Hexen hier. Lieber Yassaf, das wird aber nicht ganz billig, wenn ihr meinen Schutz wollt.“

Der Händler grummelte „Ich verstehe. Gut. Dann gebe ich euch drei Kupferstücke, wenn wir aufbrechen und noch einmal drei, wenn wir unbeschadet zurückkehren.“ Nun war es an Yahya, seinen Gegenüber ungläubig anzustarren. „ Yassaf bin Amir al’Habib, wollt ihr mich beleidigen? Ich trage das silberne Abzeichen der Leibwachenausbildung vom Sommerfeldzug nach Kelriothar! Für ein paar Kupfer sehe ich euch doch nicht einmal hinterher, wenn ihr die Stadt verlasst!“. Yassaf schmunzelte. Das Feilschen war des Händlers liebste Disziplin, das wusste natürlich auch Yahya. Neben ihnen erklang eine andere Stimme: „Sí, das stimmt wohl. Eine gute Leibwache kostet schonmal ein paar Silber.“ Die beiden blickten zu Señor Pepe, der grinsend die Szene beobachtet hatte und es sich nicht nehmen ließ, dieses Spiel ein wenig mitzuspielen.

Die Verhandlung ging noch ein wenig hin und her, letztendlich einigte man sich auf ein Silber- und zwei Kupfermünzen, jeweils beim Aufbruch und der sicheren Rückkehr, sowie zwei weiteren Silbermünzen, sollte es zu gefährlichen Situationen kommen. Yahya dankte dem Castellani für die Schützenhilfe bei der Verhandlung, was mit einem lapidaren „Ah, Sí claro. Das macht dann zehn Prozent für die Preistreiberei.“ beantwortet wurde. Der Wüstensohn war sich nicht sicher, ob das ernst gemeint war, wollte sein Glück aber auch nicht auf die Probe stellen und machte sich lieber auf den Weg zur Taverne, wo Yassaf bereits auf ihn wartete – und mit ihm zwei andere Gestalten…

Ein kleiner Auftrag

Der Duft des schwarzen Goldes, wie Yahya den morgendlichen Kaffee gerne nannte, lockte schon bald auch die anderen Lagergenossen aus den Federn. In der Nacht sind weitere Nachbarn eingetroffen, Ein paar Mitglieder der einflussreichen Jarlower Handelsdynastie, der Familia Castellani hatten sich entschlossen, in Westfurth etwas zu entspannen und Urlaub zu machen – gut für Yahya, wusste er doch, dass Señor Pepe und Señora Josephina sehr bekannte Gesichter in den Mittellanden waren, denen er gewiss ein paar Leibwachendienste anbieten konnte.

Arash hatte irgendwo etwas Kohle aufgetrieben, so dass nach Tee und Kaffee sich seine vorlaute Reisegefährtin Fenja daran machte, einige Eier aus der Gegend in die Pfanne zu schlagen. Er wusste nicht, welcher der kleinen Höfe der Stadt ausgerechnet Hühnereier anbot, so fragte er nach.

„Stell jefälligst nich sone dummen Fragen, sonst sind als nächstes deine Eier in der Pfanne!“ – Richtig. Yahya hatte ganz vergessen, das Fenja zwar einen stumpfen Knüppel, aber dafür eine um so schärfere Zunge besaß. Er befand, dass e womöglich doch gesünder war, das Thema doch lieber zu einem anderen Zeitpunkt zu vertiefen. Nach dem trotz allem sehr guten Frühstück saß man noch ein wenig beisammen, als Yassaf zu ihnen kam.

„Yahya, da bist du ja, den ganzen Morgen habe ich dich schon gesucht!“ Yahya sah ihn prüfend an. „Ihr hättet mich gewiss schon viel früher gefunden, wäret ihr beim Morgengebet gewesen.“ Yassaf machte eine betroffene Geste: „Yahya, ich bitte euch, wollt ihr mir etwa unterstellen, ich wäre meiner heiligen Pflicht nicht nachgekommen? Selbstverständlich habe ich gebetet… also… allein in meinem Zelt… wegen der Kälte, ihr versteht?“ Natürlich wusste Yahya, dass dies bestenfalls eine billige Ausrede war, aber Yassaf war durchaus vom rechten Glauben, weshalb er er nicht weiter darauf einging. „Wie auch immer, ich habe euch gesucht, weil ich einen Leibwächter für einen kleinen Ausflug in die Wälder brauche“. Ein Ausflug? Das konnte interessant werden…