Eine kleine Warnung

Dieses Gebet war anders als sonst. Er fühlte sich wacher, belebter und ausgeglichener als nach fünf Bechern des besten Kaffees von Al-Asima. Er wusste nicht, weshalb, aber er nahm es dankend als Geschenk des All-Einen an. Das Gebet war zu Ende, er sprang auf, rollte seinen Teppich zusammen und verstaute seine Klingen dort, wo sie hingehörten. Entschlossen und frohen Mutes stapfte er die Stufen herab, als er einen klagenden Gesang hinter sich hörte: Die Atiya hatten einen Kreis gebildet und sangen im Chor. Den Text verstand er nicht, dennoch war er gebannt von der Szene, die sich ihm darstelle. Nicht im Traum hätte er gedacht, dass diese stählernen Glaubenskrieger so liebliche, zugleich traurige Töne von sich gäben.

Er lauschte dem Choral bis zum Ende und ging anschließend die letzten Stufen herab, nicht bevor die Atiya wie ein leiser Wüstenwind an ihm vorbeihuschten. Am Zugang zu der Tempelanlage traf er auf Ben, der ein paar Worte mit einem blau gekleideten Atiya wechselte und ihn dann etwas verstört anblickte. „Du auch?!“ fragte Ben ungläubig.

Yahya brauchte einen Augenblick, um die Frage zu verstehen, antwortete dann jedoch: „Also beten, Na’am, aber Atiya, das bin ich nicht. Aber sind sie nicht toll? Diese Anmut, die Eleganz, tödliche Präzision…“ Ben konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Nur so lange bis du eine schwarze Feder auf dem Lager liegen hast. Dann siehst du das ganz anders.“
„Schwarze Feder? Wieso?“
„Oh, das ist dir offenbar neu. Die Atiya legen dir eine schwarze Feder auf das Lager bevor sie dich umbringen. Siehst du die Feder dort liegen bleibt dir nicht viel Zeit.“

Yahya schluckte. Ben verabschiedete sich – er habe zwar das gemeinsame Gebet verpasst, aber wolle natürlich trotzdem den All-Einen preisen. Dies war natürlich nur zu verständlich, daher verstaute Yahya eilig seinen Teppich im Zelt und ging, um seinen Turban ordentlich zu richten und etwas Kaffee für Arash, sich selbst und seine Lagergenossen aufzutreiben. Schließlich würde es an diesem Tage noch einiges zu Tun geben…

Eine unerwartete Begegnung

Der Ruf des Muezzins erklang etwa eine Stunde nach Sonnenaufgang. Yahya wurde jäh aus dem Schlaf gerissen, hatte er doch absolut nicht damit gerechnet, so fern der Heimat zu einem gemeinsamen Morgengebet gerufen zu werden. Erfreut über diese Gelegenheit wickelte er sich mehr schlecht als recht seinen Turban und griff sich seinen Teppich. Er folgte eilig dem Ruf des Vorbeters und hielt jäh inne, als er sah, wer dort sang: vor ihm standen leibhaftig sieben waschechte Krieger des All-Einen. Sieben… Atiya.

Yahya war schon immer zutiefst beeindruckt von ihnen. Nicht nur hatten sie eine schier unfassbare religiöse Disziplin, man sagte sogar, dass sie aus ihrem Glauben immer wieder neue Kraft schöpfen konnten, selbst wenn sie nahezu tödlich verwundet wurden. Dazu kam ihre sagenumwobene Kampfkunst – man sagt, Sie üben jeden Tag, bei jedem Wetter, selbst schwerstens verletzt den Kampf gegen ihre Gegner.

So stand er einen Augenblick, gelähmt vor Ehrfurcht, bis er merkte, dass der Muezzin – der rot gekleidete Atiya – seinen Ruf beendet hatte und sich gen Osten wandte, um seinen Gebetsteppich auszurollen. Yahya eilte die Stufen zu dem offenbar spontan umfunktionierten Altarplatz hoch, legte seine Waffen ab und legte seinen Teppich auf den vom nächtlichen Regen getränkten Boden und ging mit den anderen ins Gebet.

Als er niederkniete, wurde ihm gewahr, wie bitterkalt und feucht es doch an diesem Morgen war.

„Ich glaube, dass es nur einen Gott gibt.“

Yahya zitterte, als ein wohliger Schauer über seinen Rücken fuhr.

„Er ist der Geist, das Licht, die Gnade und die Gerechtigkeit“

Eine Wärme keimte in ihm auf, die wie Sonnenstrahlen von seinem Herzen durch seinen Körper schien.

„Die, die Ihm folgen, werden nicht fehlgehen“

Sein Körper entspannte sich, er fühlte sich mit der Welt im Reinen.

„denn Seine Hand leitet sie.“

Die Wärme durchflutete seinen Körper.

„Und die, die leben und sterben in Seinem Namen,“

Yahya bebte vor Energie.

„für die wird Er alles richten.“

Er öffnete die Augen…