Westfurths Schicksal

„Aber natürlich, was gibt es denn, Yahya?“ Aus irgend einem Grund schien Ben Al’Habib recht gut gelaunt. „Aaaach… nichts Wichtiges.“ erwiderte Yahya zaghaft. „Ich hatte nur ein belustigendes Gerücht gehört. Es heißt, einige Dorfbewohner seien in Aufruhr und suchen… das wird euch sicherlich so sehr belustigen wie mich, sie suchen ein Ei!“

„Ich weiß.“ Ben grinste breit. „Allerdings nicht irgendein Ei, es handelt sich um ein Drachenei, ganz in Gold. Und das Beste: Es beherbergt wohl den Schlüssel zu einem Amulett, das benötigt wird, um das Tor wieder zu verschließen.“ Yahya verstand gar nichts. „Wartet mal. Amulett? Tor? Wovon sprecht ihr da?“ rief er, und etwas leiser: „Ihr habt doch nicht etwa von Amirs Medizin getrunken, oder?“ Ben gluckste. „Ihr habt wirklich nicht viel mitbekommen hier, was? Nur die Ruhe, ich werde es euch erklären.“

Ben setzte sich zum Feuer in der Mitte des Platzes, Yayha gesellte sich zu ihm. „Also, passt auf, ich fange ganz vorn an: Ihr wisst, warum das Handelshaus Al’Habib hier in Westfurth ist, Na’am?“ „Nun, ich gehe davon aus, um hier ein paar profitable Geschäfte abzuwickeln. Letzten Endes seid ihr Händler, oder nicht?“ „Natürlich auch das, aber es gibt einen wichtigeren Grund. Wisst ihr, vor etwa sechs Monden musste ich zusehen, wie meine Familie vom Kommandanten Varus, einem Mitglied der Legion des Chaos, hingerichtet wurde. Ich verlange nichts Geringeres als dass Auge mit Auge vergolten wird. Und dieser Hauptmann, so sagen meine Informanten, ist hier!“

„Hier in Westfurth? Diesem selbst vom All-Einen anscheinend nicht sonderlich beachteten Fleckchen Erde?“ erwiderte Yahya ungläubig. „Ganz sicher. Diese Chaostruppen können sich diesem Ort normalerweise nicht so einfach nähern. Sie entspringen den Schatten, und nicht weit von hier gibt es ein Portal in diese Welt. Bisher wurde Westfurth von einem Schutzkreis vor den einfallenden Horden aus der Nekropole geschützt, doch die Runen, die diesen Kreis formten, wurden gestört. Doch hier kommt das Ei ins Spiel.“ Yahya horchte auf. „In jenem Ei befindet sich der Schlüssel zu einem Amulett, mit dessen Hilfe zumindest ein Teil des Schutzkreises repariert werden kann. Und das Beste ist….“

„KOOOOOMMT IHR GLÄUBIGEEEEEEN, KOOOOOOOOMMT ZUM ZWEITEEEEEEN GEBEEEEET!“

Das Ei

Zurück in Westfurth trennten sich die Wege aller, jedoch nicht bevor Yahya seine vereinbarte Bezahlung einforderte. Widerwillig gab Yassaf ihm ein weiteres Silber- und zwei Kupferstücke. „Ihr seid wirklich ungleich teurer als unsere anderen Begleiter, mein lieber Yahya.“ jammerte Yassaf. „Qualität und guter Leumund haben ihren Preis. Wer wüsste das besser als Ihr, verehrter Yassaf?“ grinste Yahya und verstaute das Geld geschwind in seiner Tasche. „Und wo wir bei gutem Leumund sind, vergesst nicht, mir einen Nachweis für die Tätigkeit als Leibwache auszustellen. Das… gehört sich so.“ Yassaf murmelte noch etwas vor sich hin, doch Yahya kümmerte sich nicht weiter darum und kehrte zu seinem Lager zurück, wo Pepe und Josephina Castellani gerade etwas besprachen.

„Ich weiß ja nicht. Warum sollten wir uns in die Geschicke dieser Stadt einmischen? Wir machen hier doch nur Urlaub, ich will mich entspannen!“ monierte Pepe, der mit verschränkten Armen am Feuer stand. „Wenn dieses Ei wirklich so wichtig für das Überleben dieser Stadt ist, sollten wir es vielleicht an uns bringen und später… mildtätig spenden.“ Josephinas besonders gewählter Ausdruck  ließ darauf schließen, dass sie innerlich brodelte. „Oder zumindest dessen Inhalt. Für die Schale habe ich möglicherweise… noch eine andere Verwendung.“ Pepe warf die Arme über den Kopf. „Dios mío, meinetwegen. Wir bringen das Ei an uns und spenden den Schlüssel, aber ich will damit nichts weiter zu tun haben.“

Josephina bemerkte Yahya, der interessiert lauschte, sich aber lieber aus dem Streit heraushielt. „Wie war doch gleich euer Name, Orientaler?“  Yahya erschrak etwas. „Ich? Ääh… Yahya bin Mohammed bin Abdul bin Hassan, Verehrteste“ stammelte er. Die Jarlowerin zögerte kurz. Yahya war das gewohnt, die meisten fühlten sich von seinem vollen Namen etwas erschlagen. „Wo ihr doch unsere Gastfreundschaft hier so zu genießen scheint, habe ich, sagen wir, eine kleine Bitte an euch.“ sagt Josephina. „Was immer ihr wünscht!“ antwortete Yahya wie aus der Pistole geschossen. Er hatte genug über die Familie Castellani gehört, um zu wissen, dass man einen Wunsch eines Mitglieds dieser reichen Handelsdynastie besser nicht ausschlug, wenn man Wert auf seine Innereien legte. „Bringt doch einmal in Erfahrung, wer zur Zeit dieses Ei, von dem man in der Stadt so aufgeregt spricht, derzeit besitzt und erstatte uns Bericht über diese Person.“

Ein wenig Informationsbeschaffung war eine Kleinigkeit für Yahya. „Selbstredend, Señora, ich mache mich sogleich auf den Weg und werde den Besitzer des Eis auftreiben.“  Josephina und Pepe schienen zunächst zufrieden, dass sich jemand um diese Angelegenheit kümmerte und ließen es dabei bewenden. „Vale. Lass dir nur nicht zu lange Zeit.“ gab Josephina ihm noch mit auf den Weg. Yahya verließ sogleich das Lager in Richtung Stadtinnerem hatte keine Ahnung, um was für ein verteufeltes Ei es ging, aber er kannte genau die richtige Person, um dies in Erfahrung zu bringen…

 

Schattenhandel und eine milde Geste

Auf den ersten Blick wirkte der Mann groß, kräftig und einschüchternd, doch als Yahya etwas genauer hinsah, bemerkte er die recht heruntergekommene Kleidung – der staubige Turban, der verschlissene Kaftan, die Löcher im Umhang – und die doch leicht gebeugte Haltung, obwohl er sich sichtlich mühte  gerade zu sitzen und integer zu wirken. Dennoch wusste Yahya: Beurteile ein Buch nie nach seinem Einband!

Der Herr der Spinnen lud Yassaf mit einer Geste ein, sich auf den Teppich zu setzen. Yahya sah, dass der Mann keine Waffen in den Händen hielt und entspannte sich daher etwas, behielt jedoch die beiden schmächtigen Wachen im Blick, die noch immer nervös ihre Schwerter unter den Umhängen befingerten. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte sich Yassaf seiner Schuhe entledigt und sich auf den Teppich gesetzt – gut zu wissen, dass der schlitzohrige Händler seine Manieren nicht vergessen hatte, auch wenn dies bei einer unter Umständen nötigen schnellen Flucht etwas hinderlich sein konnte, weiß man doch nicht, welches Ungeziefer der Spinnenmeister hier noch beherbergte.

„Nun, ihr seid also Yassaf, der weit gereiste Händler, von dem Gasparo hier mir schon berichtete.“ Der Herr der Spinnen sprach ruhig und bedacht. „Man sagte mir, ihr bringt interessante Waren und Kupfer in diese Gegend. So etwas erregt natürlich meine Aufmerksamkeit…“ -„Aber gewiss. Yassaf bin Amir Al’Habib vom Handelshaus Al’Habib, stets zu Ihren Diensten. Doch auch euer Name ist mir nicht unbekannt. Man sagt, ihr bietet hier den Ausgestoßenen Westfurths eine Herberge?“ Yahya hörte aufmerksam zu, ohne den Blick von den Wachen abzuwenden. „Nun, sagen wir, ich helfe denen in der Not… ich biete den armen, verlorenen Seelen hier ein Dach über dem Kopf, Brot und Wasser. Und ihr seht ja selbst, diese armen Geschöpfe können es gut gebrauchen.“ Yassaf überlegte kurz, dann fragte er mit unverhohlener Neugier: „Euer Edelmut in allen Ehren, Herr, doch bitte verzeiht mir die Frage: Wenn es sich doch tatsächlich um Ausgestoßene und Vertriebene handelt, weshalb mussten sie denn das Dorf verlassen?“

Der Herr der Spinnen atmete hörbar ein und aus, ein Anflug von Ärger blitzte kurz durch seine Augen. „Ach, nun ja… sie wurden Westfurths verwiesen, weil man ihnen ein paar Kleinigkeiten anlastete… sagen wir einfach, sie waren in der Gesellschaft wegen kleinerer Vorkommnisse nicht länger willkommen.“ – Kriminelle also. Mörder und Banditen. Yahya verstand allmählich, wieso Yassaf eine drei Mann starke Leibgarde brauchte.

Yassaf nickte lächelnd. „Ich verstehe. Nun gut, ich denke, ich habe sicherlich ein interessantes Handelsangebot für euch… und selbstverständlich bin ich nicht mit leeren Händen gekommen. Bitte, nehmt dies als meine Geste des guten Willens, mit besten Empfehlungen des Handelshauses Al’Habib“ sagte er, und zog eine reich verzierte Wasserpfeife nebst Tabak aus seinem Leinensack. Die anwesenden Wachen blickten das Gerät mit unverhohlener Gier an, auch der Herr der Spinnen schien… nun, nicht unbeeindruckt. „Ich bin sicher, ihr möchtet im Gegenzug ebenfalls eine… kleine Geste des guten Willens erwiesen wissen?“ Yassaf lächelte erneut, diesmal so schelmisch, wie man es von ihm gewohnt war.

Er verhandelte, dass Warenlieferungen des Handelshauses nach Westfurth von den Aussätzigen in Ruhe gelassen würden. Zudem vereinbarte er, dass der Herr der Spinnen ihn mit einigen Phiolen einer gewissen Flüssigkeit zu versorgen, von der Yahya wusste, dass es vermutlich gesünder war, nicht weiter nachzufragen. Im Gegenzug verpflichtete sich Yassaf zur Zahlung einer größeren Menge Kupfer und der Versorgung der Aussätzigen mit Speisen und Getränken aus der Stadt, sowie dem einen oder anderen Getränk aus Gasporos Taverne.

Nach dem Ende der Verhandlungen sammelten sich Yahya, Yassaf und ihre Gefährten vor dem Haus und begaben sich zügigen Schrittes zurück zur Stadt. Auch wenn die Verhandlungen gut liefen und es erfreulicherweise nicht zu Blutflecken auf dem Teppich kam, so blickte Yahya etwas häufiger über seine Schulter. Er war sich sicher, von dieser „Spinne“ hatte er nicht das Letzte gesehen…

Begegnung auf acht Beinen

Im Gegensatz zum merkwürdig leeren Wald – kaum ein Vogel war zu hören, geschweige denn eine Menschen- oder sonst eine Seele zu sehen – war dieses letzte Nacht noch so ruhige Haus ein wahrer Taubenschlag. Einige düstere, meist schwarz gekleidete Gestalten tummelten sich dort und beäugten die Neuankömmlinge misstrauisch. Yahya legte seine linke Hand unmerklich auf den Griff seines Schwerts und die Rechte an einen der Wurfdolche, die er vor der Brust trug. So sah es aus, als hätte er die Arme verschränkt, konnte aber wenn nötig schnellstens die Waffen ziehen. Er blieb nah an Yassaf, der augenscheinlich auch etwas nervös war, es sich aber nicht anmerken lassen wollte – mit mäßigen Erfolg.

„As-salāmu ʿalaikum, meine verehrten Freunde. Ich komme auf Bitten eures Anführers, dem Herrn der Spinnen!“ …Spinnen? Großartig. Mit Schlangen hatte Yahya kein Problem, auch mit so manchem Wolf war er in seiner Jugend problemlos fertiggeworden. Aber ausgerechnet Spinnen! Yahya schauderte unweigerlich und fasste den Schwertgriff unbewusst noch fester.

Ein Mann an der Tür in heruntergekommener Kleidung trat vor. „Na jut, aber wennde hier reinwills‘, denn nur ohne Waffen und det kost‘ n Kupper für jeden von euch.“ Eines musste man Yassaf lassen – selbst unter größter Bedrohung musste jemand nur einen Betrag nennen, schon wurde er der größte Schauspieler, den diese Welt gesehen hat. Nicht nur ließ man das „Eintrittsgeld“ dank Gasparos Anwesenheit – man kannte sich anscheinend bereits – außen vor, auch wurde es gestattet, dass zwei Personen ihre Waffen nicht ablegen mussten, sofern auch von der Gegenseite zwei Leute ihre Waffen weiter tragen durften. Die Gruppe wurde in das Haus geführt, nur Ron wurde der Eintritt verwehrt. „Schon in Ordnung, Baumfreund, bleibe draußen in der Nähe des Fensters und rufe, wenn Gefahr droht.“, wies Yahya ihn an.  In einem kleinen Raum neben dem Eingang lag ein Teppich auf dem Boden, zur Linken und zu Rechten waren zwei dürre, ausgemergelte Personen mit schwarzen Umhängen, die betont lässig in den Ecken standen. Yahyas geschultem Blick entging nicht, dass sie versuchten, ihre rostigen Schwerter unter den Umhängen vor Blicken zu schützen, also wies er Joran mit einer Geste an, sich zur Linken von Yassaf  zu stellen, während er selbst rechts des Teppichs Stellung bezog. Offenbar waren es ungelernte Wachen, denn in der Mitte auf dem Teppich saß eine weitere Person. Groß, mit einem gesichtsverhüllenden Turban und mindestens zwei Augen wie Dolchen, konnte es sich nur um eine Person handeln: Den Herrn der Spinnen.

Aufbruch ins Ungewisse

„Ah, Yahya, da seid ihr ja. Wurde auch Zeit, ich wollte gerade nach euch schicken lassen!“ Yahya näherte sich der kleinen Gruppe. Neben Yassaf stand dort noch Joran, wie Yahya war auch er ein Begleiter der Al’Habibs, angeheuert zum Schutz der Karawane. Die andere Person, ebenfalls gerüstet und bewaffnet, war ihm unbekannt. „Ich sehe, wir sind nicht allein unterwegs?“ fragte er. „Nun, ihr sagtet ja selbst, in diesen Wäldern läuft so einiges Gesindel durch die Gegend, ich will nunmal auf Nummer sicher gehen. Immerhin ist meine Handelsware doch… von einigem Wert.“ sagte Yassaf und grinste schelmisch.

„Ihr kennt Joran schon, er trägt eine gute Rüstung und ist geschickt mit dem Schwert. Unser anderer Begleiter hier ist Ron.“ Yahya nickte ihm kurz zu. „Er ist auch nicht ungeschickt mit der Klinge, aber viel wichtiger, er ist auch ein guter Heiler, wie man mir sagte.“ Ron und Yahya musterten sich kurz gegenseitig. „Also gut. Damit kann ich arbeiten. Joran, ihr bildet ihr die Vorhut und Ron, ihr werdet versetzt hinter uns gehen und uns den Rücken freihalten, sollte etwas passieren. Ich werde direkt bei unserem Klienten hier laufen und im Falle eines Angriffs in Sicherheit bringen, während ihr den Gegner zurückhaltet. Alle verstanden? Gut, dann…“

„Nur eines…“ unterbrach Ron. „Ihr müsst wissen, ich bin eine sehr… naturverbundene Person. Ich möchte euch bitten, darauf zu achten, dass ihr eure Schwerter von meinen Freunden, den  Bäumen, fernhaltet.“ Yahya blickte etwas konsterniert drein, auch Joran stutzte und fragte: „Die Bäume sind… eure Freunde?“ „Ja, ich spreche zu ihnen.“ Na toll, ein Irrer im Wald, dachte Yahya. „Wisst ihr, ich habe vor einiger Zeit einmal schwere Verletzungen im Kampf erlitten und nur überlebt, weil mir ein Ent von seinem Blut spendete. Seitdem pflege ich eben eine besondere Beziehung zu Bäumen.“

Wo hat Yassaf nur diese… Person aufgetrieben? Einen halben Djinn als Leibwache, das konnte ja nur schiefgehen. „Ich… verstehe. Also schön, achtet darauf, dass ihr keine Bäume trefft, Joran. Und ihr, Ron, vielleicht… geht ihr doch ein paar Schritt hinter uns. Ein Heiler sollte ja nicht gleich in das Kampfgeschehen geraten, nicht wahr? Gut. Herr Yassaf, wir sind bereit zum Aufbruch.“ Yassaf, gerade noch im Gespräch mit dem Wirt der Taverne, drehte sich um. „Ah, wundervoll. Gehen wir. Gasparo, kommt ihr?“ „Gasparo begleitet uns? Von zwei Schutzpersonen war aber keine Rede, das kostet extra.“ Yahya war zwar kein besonders geschickter Händler, aber er hatte einen Riecher für zusätzliches Kupfer. Yassaf antwortete „Ah, ja, das klären wir später“, und etwas leiser zu Yahya „Nun, auf ihn müsst ihr nicht unbedingt so sehr achten. Er hat ja nicht mitbezahlt…“

Yahya runzelte die Stirn. Aber gut, zur Not hatten sie jemanden, den sie im Falle eines Angriffs opfern konnten. Yassaf bezahlte die vereinbarte Summe und so begab sich die bunte Gruppe auf den Weg durch die Wälder zu dem heruntergekommenen Haus außerhalb der Stadt, das heute deutlich lebendiger erschien als noch in der Nacht…

Nur nicht unter Wert verkaufen

„Ihr wisst aber schon, dass der Vertrag zwischen den Handelshaus Al’Habib und mir mit dem Eintreffen in Westfurth endete? Da müsst ihr mir nun schon einen Anreiz geben.“ sagte Yahya und beschrieb eine reibende Geste zwischen Daumen und Zeigefinger. „Und überhaupt, wohin geht dieser Ausflug? Lauern Gefahren? Sicherlich, sonst bräuchtet ihr keine Leibwache, nicht wahr?“ Yassaf verdrehte die Augen. „Ist ja gut, ist ja gut… Ich habe ein kleines Geschäft zu erledigen mit diesen Aussätzigen, sie leben…“ „…in einem kleinen Haus außerhalb der Stadt. Ich kenne es. Die Wälder dort sind nicht ungefährlich, in der Tat. Ich hörte nicht nur von Wegelagerern, sondern auch von Untoten und Hexen hier. Lieber Yassaf, das wird aber nicht ganz billig, wenn ihr meinen Schutz wollt.“

Der Händler grummelte „Ich verstehe. Gut. Dann gebe ich euch drei Kupferstücke, wenn wir aufbrechen und noch einmal drei, wenn wir unbeschadet zurückkehren.“ Nun war es an Yahya, seinen Gegenüber ungläubig anzustarren. „ Yassaf bin Amir al’Habib, wollt ihr mich beleidigen? Ich trage das silberne Abzeichen der Leibwachenausbildung vom Sommerfeldzug nach Kelriothar! Für ein paar Kupfer sehe ich euch doch nicht einmal hinterher, wenn ihr die Stadt verlasst!“. Yassaf schmunzelte. Das Feilschen war des Händlers liebste Disziplin, das wusste natürlich auch Yahya. Neben ihnen erklang eine andere Stimme: „Sí, das stimmt wohl. Eine gute Leibwache kostet schonmal ein paar Silber.“ Die beiden blickten zu Señor Pepe, der grinsend die Szene beobachtet hatte und es sich nicht nehmen ließ, dieses Spiel ein wenig mitzuspielen.

Die Verhandlung ging noch ein wenig hin und her, letztendlich einigte man sich auf ein Silber- und zwei Kupfermünzen, jeweils beim Aufbruch und der sicheren Rückkehr, sowie zwei weiteren Silbermünzen, sollte es zu gefährlichen Situationen kommen. Yahya dankte dem Castellani für die Schützenhilfe bei der Verhandlung, was mit einem lapidaren „Ah, Sí claro. Das macht dann zehn Prozent für die Preistreiberei.“ beantwortet wurde. Der Wüstensohn war sich nicht sicher, ob das ernst gemeint war, wollte sein Glück aber auch nicht auf die Probe stellen und machte sich lieber auf den Weg zur Taverne, wo Yassaf bereits auf ihn wartete – und mit ihm zwei andere Gestalten…

Ein kleiner Auftrag

Der Duft des schwarzen Goldes, wie Yahya den morgendlichen Kaffee gerne nannte, lockte schon bald auch die anderen Lagergenossen aus den Federn. In der Nacht sind weitere Nachbarn eingetroffen, Ein paar Mitglieder der einflussreichen Jarlower Handelsdynastie, der Familia Castellani hatten sich entschlossen, in Westfurth etwas zu entspannen und Urlaub zu machen – gut für Yahya, wusste er doch, dass Señor Pepe und Señora Josephina sehr bekannte Gesichter in den Mittellanden waren, denen er gewiss ein paar Leibwachendienste anbieten konnte.

Arash hatte irgendwo etwas Kohle aufgetrieben, so dass nach Tee und Kaffee sich seine vorlaute Reisegefährtin Fenja daran machte, einige Eier aus der Gegend in die Pfanne zu schlagen. Er wusste nicht, welcher der kleinen Höfe der Stadt ausgerechnet Hühnereier anbot, so fragte er nach.

„Stell jefälligst nich sone dummen Fragen, sonst sind als nächstes deine Eier in der Pfanne!“ – Richtig. Yahya hatte ganz vergessen, das Fenja zwar einen stumpfen Knüppel, aber dafür eine um so schärfere Zunge besaß. Er befand, dass e womöglich doch gesünder war, das Thema doch lieber zu einem anderen Zeitpunkt zu vertiefen. Nach dem trotz allem sehr guten Frühstück saß man noch ein wenig beisammen, als Yassaf zu ihnen kam.

„Yahya, da bist du ja, den ganzen Morgen habe ich dich schon gesucht!“ Yahya sah ihn prüfend an. „Ihr hättet mich gewiss schon viel früher gefunden, wäret ihr beim Morgengebet gewesen.“ Yassaf machte eine betroffene Geste: „Yahya, ich bitte euch, wollt ihr mir etwa unterstellen, ich wäre meiner heiligen Pflicht nicht nachgekommen? Selbstverständlich habe ich gebetet… also… allein in meinem Zelt… wegen der Kälte, ihr versteht?“ Natürlich wusste Yahya, dass dies bestenfalls eine billige Ausrede war, aber Yassaf war durchaus vom rechten Glauben, weshalb er er nicht weiter darauf einging. „Wie auch immer, ich habe euch gesucht, weil ich einen Leibwächter für einen kleinen Ausflug in die Wälder brauche“. Ein Ausflug? Das konnte interessant werden…

Eine kleine Warnung

Dieses Gebet war anders als sonst. Er fühlte sich wacher, belebter und ausgeglichener als nach fünf Bechern des besten Kaffees von Al-Asima. Er wusste nicht, weshalb, aber er nahm es dankend als Geschenk des All-Einen an. Das Gebet war zu Ende, er sprang auf, rollte seinen Teppich zusammen und verstaute seine Klingen dort, wo sie hingehörten. Entschlossen und frohen Mutes stapfte er die Stufen herab, als er einen klagenden Gesang hinter sich hörte: Die Atiya hatten einen Kreis gebildet und sangen im Chor. Den Text verstand er nicht, dennoch war er gebannt von der Szene, die sich ihm darstelle. Nicht im Traum hätte er gedacht, dass diese stählernen Glaubenskrieger so liebliche, zugleich traurige Töne von sich gäben.

Er lauschte dem Choral bis zum Ende und ging anschließend die letzten Stufen herab, nicht bevor die Atiya wie ein leiser Wüstenwind an ihm vorbeihuschten. Am Zugang zu der Tempelanlage traf er auf Ben, der ein paar Worte mit einem blau gekleideten Atiya wechselte und ihn dann etwas verstört anblickte. „Du auch?!“ fragte Ben ungläubig.

Yahya brauchte einen Augenblick, um die Frage zu verstehen, antwortete dann jedoch: „Also beten, Na’am, aber Atiya, das bin ich nicht. Aber sind sie nicht toll? Diese Anmut, die Eleganz, tödliche Präzision…“ Ben konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Nur so lange bis du eine schwarze Feder auf dem Lager liegen hast. Dann siehst du das ganz anders.“
„Schwarze Feder? Wieso?“
„Oh, das ist dir offenbar neu. Die Atiya legen dir eine schwarze Feder auf das Lager bevor sie dich umbringen. Siehst du die Feder dort liegen bleibt dir nicht viel Zeit.“

Yahya schluckte. Ben verabschiedete sich – er habe zwar das gemeinsame Gebet verpasst, aber wolle natürlich trotzdem den All-Einen preisen. Dies war natürlich nur zu verständlich, daher verstaute Yahya eilig seinen Teppich im Zelt und ging, um seinen Turban ordentlich zu richten und etwas Kaffee für Arash, sich selbst und seine Lagergenossen aufzutreiben. Schließlich würde es an diesem Tage noch einiges zu Tun geben…

Eine unerwartete Begegnung

Der Ruf des Muezzins erklang etwa eine Stunde nach Sonnenaufgang. Yahya wurde jäh aus dem Schlaf gerissen, hatte er doch absolut nicht damit gerechnet, so fern der Heimat zu einem gemeinsamen Morgengebet gerufen zu werden. Erfreut über diese Gelegenheit wickelte er sich mehr schlecht als recht seinen Turban und griff sich seinen Teppich. Er folgte eilig dem Ruf des Vorbeters und hielt jäh inne, als er sah, wer dort sang: vor ihm standen leibhaftig sieben waschechte Krieger des All-Einen. Sieben… Atiya.

Yahya war schon immer zutiefst beeindruckt von ihnen. Nicht nur hatten sie eine schier unfassbare religiöse Disziplin, man sagte sogar, dass sie aus ihrem Glauben immer wieder neue Kraft schöpfen konnten, selbst wenn sie nahezu tödlich verwundet wurden. Dazu kam ihre sagenumwobene Kampfkunst – man sagt, Sie üben jeden Tag, bei jedem Wetter, selbst schwerstens verletzt den Kampf gegen ihre Gegner.

So stand er einen Augenblick, gelähmt vor Ehrfurcht, bis er merkte, dass der Muezzin – der rot gekleidete Atiya – seinen Ruf beendet hatte und sich gen Osten wandte, um seinen Gebetsteppich auszurollen. Yahya eilte die Stufen zu dem offenbar spontan umfunktionierten Altarplatz hoch, legte seine Waffen ab und legte seinen Teppich auf den vom nächtlichen Regen getränkten Boden und ging mit den anderen ins Gebet.

Als er niederkniete, wurde ihm gewahr, wie bitterkalt und feucht es doch an diesem Morgen war.

„Ich glaube, dass es nur einen Gott gibt.“

Yahya zitterte, als ein wohliger Schauer über seinen Rücken fuhr.

„Er ist der Geist, das Licht, die Gnade und die Gerechtigkeit“

Eine Wärme keimte in ihm auf, die wie Sonnenstrahlen von seinem Herzen durch seinen Körper schien.

„Die, die Ihm folgen, werden nicht fehlgehen“

Sein Körper entspannte sich, er fühlte sich mit der Welt im Reinen.

„denn Seine Hand leitet sie.“

Die Wärme durchflutete seinen Körper.

„Und die, die leben und sterben in Seinem Namen,“

Yahya bebte vor Energie.

„für die wird Er alles richten.“

Er öffnete die Augen…

Der Djinn

Yahya wurde nervös und umklammerte den Griff seines Schwertes. Dennoch rief diese dunkle Gestalt eine merkwürdige Faszination in Yahya hervor. War es ihre Robe? Der schwarze Federschmuck auf ihren Schultern? Das Geweih, das aus ihrem Kopf emporwuchs? Er wusste es nicht. Die beinah schwebende Gestalt stellte sich als Luca vor, eine vielleicht schon Jahrtausende alte Feengestalt – zumindest ihre Weisheit ließ dies vermuten. Trotz seiner Furcht beneidete Yahya die Frau, die er wenig später als Samira wiedererkannte, ein wenig. Klar, allein mit einem Djinn zu sprechen, war schon Haram, aber dennoch…

Lange ertragen konnte Yahya diesen seelischen Zwiespalt nicht, daher verließ er das Lager und erkundete weiter den Ort, um in einer ruhigen Ecke ins Gebet zu gehen und seinen Geist von den unreinen Gedanken zu säubern. Doch nur wenig später wurde er wieder aus seiner Meditation gerissen, als er die Stimmen Arashs, der späten Gäste und Amirs vernahm. Das konnte nur Unglück bedeuten, so dachte er sich und gesellte sich zu der Runde. Er kam zu spät, um noch wirklich zu verstehen, worum es ging, doch amüsierte es ihn ein wenig zu sehen, dass Amir vor dem Djinn eine noch viel größere Furcht empfand als er selbst. Allein, um sich selbst und Amir etwas zu beweisen, folgte er Arash, Luca und Samira in die gespenstischen Wälder.

Auf besonders leiser Sohle und mit größter Umsicht fand die Gruppe schon bald ein gespenstisches Haus unweit der Stadt. Man sagte sich, dass dort eine Gruppe Verbannter lebte, doch das Haus schien leer. Durch ein offenes Fenster fand man einen Eingang und Yahya ließ es sich nicht nehmen, gedeckt durch Arashs sichere Bogenschützenkunst das Innere zu erkunden. Außer ein paar scheinbar schlafenden Riesenspinnen und Kerzen war hier jedoch nichts zu finden, so beschlossen die Gefährten leicht enttäuscht, zu ihren Lagern zurückzukehren und auf den nächsten Tag zu warten. Wären sie doch besser gar nicht erst aufgestanden…